Neue Sachlichkeit im Diskurs statt Rassismus
Neujahrsempfang 2020 in Corpus Christi, Herpersdorf


Martin Becher zieht die Zuhörer in seinen Bann.



Stephan Neufanger (Pfarrer Corpus Christi), Claus Schmitt (PGR-Vorsitzender), Beate Kimmel-Uhlendorf (Pfarrerin Osterkirche, Martin Becher (Bayrische Bündnis für Toleranz) (von links).


Die christlichen Gemeinden im Nürnberger Süden, Osterkirche und Corpus Christi, luden ihre Gemeindemitglieder und Vertreter aus Poli-tik, Wirtschaft und den örtlichen Vereinen zum Neujahrsempfang ein. Traditionell werden sozialpolitische Themen der gegenwärtigen Gesellschaft aufgegriffen. Pfarrgemeinderatsvor¬sitzender Claus Schmitt begrüßte die Gäste und fragte, ob die christlichen Kirchen im begin¬nenden Jahrzehnt ein „Anker der Gesellschaft“ sein werden. Er hieß den Festredner Martin Becher, Geschäftsführer der Projektstelle gegen Rechtsextremismus im Bayrischen Bündnis für Toleranz, willkommen.

Das Bündnis wurde 2005 von der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, der Röm.-Kath. Kirche Erzbistum München Freising, dem DGB, dem Bay. Innenministerium und der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ins Leben gerufen. Martin Becher ist dort seit 2011 tätig.

Kurzweilig zog Martin Becher die Zuhörer im vollbesetzten Pfarrsaal von Corpus Christi in seinen Bann. Er unternahm den Versuch aufzu-zeigen, wie gutes Leben miteinander gelingen kann. Nicht nur der rechte Anschlag von Halle zeigte, dass gesellschaftliche Gräben immer tiefer werden. Publizisten wie Götz Kubitschek versuchen hieraus Nutzen zu ziehen.

Referent Becher machte sich auf die Suche nach Gründen. In den Jahren 1945 bis 1975 ging es den Menschen gefühlt gut. Alle profitierten gleichermaßen vom Aufschwung trotz aller Unterschiede und alle hatten das „Gefühl einer guten Perspektive“ – es ging aufwärts. Nach 1975 setzte der Prozess des Neoliberalismus ein, Marktkräfte machten den Weg frei zur Globalisierung. Nach dem Mauerfall 1989 verstärkte sich dieser Prozess schleichend. Arbeit bietet heute nicht unbedingt soziale Sicherheit. Als Beispiel führte Becher den verbeamteten Postboten an, der früher Wertschätzung erhielt. Heute arbeitet er als Leiharbeiter meist in Sub-Unternehmen mit geringer Entlohnung. Fehlende Wertschätzung ist ein Gefühl, mit dem rechte Populisten bei den Menschen hausieren gehen.

Heute ist Selbstverwirklichung und Marktoptimierung gefragt. Nicht nur Länder stehen in Konkurrenz, sondern auch Städte und sogar Schulen. Die Gesellschaft driftet auseinander, und die Schere geht weiter auf. Politische Aufmerksamkeit erhalten die AfD und die Grünen, und die Parteien der Mitte stürzen bei Wahlen ab. Medien buhlen um die Führerschaft der öffentlichen Meinung. Die AfD um Jörg Meuthen versucht, mit Emotionen bei den Wählern anzukommen.

Martin Becher erläuterte, dass man nicht auf Stimmungen schauen darf oder hypernervös auf Ereignisse reagieren sollte, wie z.B. auf ein Lied des WDR-Kinderchores. Es sei notwendig, die Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten in einen sachlichen Dialog zu bringen, wie dies durch das Bündnis für Toleranz bei diversen Gesprächsrunden erfolgreich durchgeführt wird. Eine neue Sachlichkeit im Diskurs ist gefragt nicht Rassismus und Aggressivität. Dann kann ein „Gutes Leben miteinander gelingen, anstelle schlechter Reden übereinander.“
Viele Zuhörer suchten anschließend das Gespräch mit Martin Becher. Die CC-Band gestaltete den Neujahrsempfang musikalisch.





Die CC-Band umrahmte den Neujahrsempfang musikalisch.

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